Valentin Karlstadt Musäum München


Christian Boltanski am 14. Juli 2021 verstorben

Gestern, am 14. Juli, dem Tag an dem Frankreich der Revolution gedenkt, die Freiheit, Gleichheit Brüderlichkeit forderte, starb der große zeitgenössische Künstler Christian Boltanski. Als Sohn eines jüdisch-ukrainischen Vaters und einer korsischen Mutter, hineingeboren in das eben von der Besatzung befreiten Paris, bestimmte die Erinnerung an den Holocaust sein Werk. Seine großen Themen waren Zeit, Vergänglichkeit und Tod, die Brüchigkeit und Fragilität von Lebensentwürfen, der Verfälschung von Erinnerung.

Das Valentin-Karlstadt-Musäum ist Christian Boltanski zu großem Dank verpflichtet. Aus Verehrung für Karl Valentin, vermachte er sein gesamtes Frühwerk 1993 dem Valentin-Karlstadt-Musäum, das er hier zuvor in einer Sonderausstellung zeigte. Boltanski fühlt sich in seinem Schaffen Karl Valentin sehr verbunden. Mit ihm überdachte er sein Werk neu und übernahm die Idee des Clowns.

Im Buch »Die möglichen Leben des Christian Boltanski« von Christian Boltanski und Catherin Grenier erzählt er hierzu: »Um 1973/74 nahm mich Metken [Anm.: gemeint ist der Kunsthistoriker und Essayist Gunter Metken] mit ins Goethe-Institut in Paris, um dort Filme von Karl Valentin zu sehen, die mir sehr gefielen. Die Folge war, dass ich meinen eigenen Stil zerstören wollte, indem ich mir sagte: » Ich bin nicht der, den ihr zu kennen glaubt, die Geschichten, die ihr für wahr haltet, sind falsch. Meine Kindheit, meine Schuhe als Vierjähriger – all das ist nur Täuschung. Das sind Erfindungen, und ich werde es euch auch beweisen, indem ich es ins Clowneske verwandle. «Ich übernahm von Karl Valentin die Idee des Clowns und dachte auch daran, die Figur des Bauchredners zu verwenden. So konnte ich meine Person verdoppeln, zwei Rollen spielen, indem ich mich als Erwachsener und mit Hilfe der Puppe als »Petit Christian«, als kleiner Junge szenisch darstellte. In einem Spielwarengeschäft kaufte ich mir eine Bauchredner-Puppe – sie bestand aus einem Kopf, dessen Mimik sich bewegen ließ, und einem kleinen Pullover, der das Tonbandgerät verhüllte (...). Ich setzte mich mit der Puppe, dem Petit Christian, in Szene, sprach zu diesem kleinen Christian, drückte dann auf den Knopf und er antwortete mir. Ich sprach also mit mir selbst. Um der Anekdote willen hat sich mit dem Petit Christian auch noch etwas Seltsames ereignet: Er hatte einstmals wie ich viele Haare. Als ich ihn nicht mehr szenisch einsetzte, legte ich ihn in den Keller des Hauses meiner Eltern. Zehn Jahre später entdeckte ich ihn dort wieder. Er hatte gleichzeitig mit mir seine Haare verloren! Heute befindet er sich als Kahlköpfiger im Karl-Valentin-Museum in München.«

Hier sind auch die zugehörigen Kassetten, die Petit-Christian zum Reden brachten, und an die 80 Objekte aus dem Werk der frühen 70er Jahre, Schallplatten, Plakate, Fotos hinter Glas, Requisiten aufbewahrt.

Diese Schenkung von Christian Boltanski ist mit der wertvollste Schatz im Archiv des Valentin-Karlstadt-Musäums. Für uns bleibt hiermit die Erinnerung an einen der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler physisch.

Bild links:
Christian Boltanski mit Petit Christian: Die verweigerte Mahlzeit

Bild rechts:
Christian Boltanski: Jeux de Physionomie - La Moquerie


„Kunst kommt von können,
nicht wollen …
sonst müsste es ja Wunst heißen“(Karl Valentin)